Msgr. Omar Alberto Sánchez Cubillos OP: «Ein Charisma ist eine Gabe Gottes, die als Antwort auf einen konkreten Bedarf geschenkt wird.»

Anfang der 1950er-Jahre, als die SMB nach der Ausweisung ihrer Missionare aus China nach neuen Einsatzfeldern suchte, erreichte sie eine Anfrage aus dem Erzbistum Popayán. Bereits im November 1953 liessen sich die ersten Missionare in abgelegenen, schwer zugänglichen Regionen der Anden nieder.

Autor Ludovic Nobel – 14.01.2026

Ihr Engagement ging bald über die klassische Pfarrseelsorge hinaus. In enger Verbundenheit mit den lokalen Gemeinschaften setzten sie sich in zentralen Bereichen des täglichen Lebens ein: in der Begleitung der indigenen Bevölkerung, beim Ausbau von Verkehrswegen, beim Zugang zu sauberem Trinkwasser, bei der Restaurierung kirchlicher Gebäude sowie in der Förderung des gemeinschaftlichen Lebens.

Die kirchlichen Entwicklungen der 1960er-Jahre – das Zweite Vatikanische Konzil, die Enzyklika Populorum Progressio und die Konferenz von Medellín – eröffneten einen neuen pastoralen Horizont. Die missionarische Arbeit orientierte sich verstärkt an einer ganzheitlichen Evangelisierung, an der Ausbildung von Laien sowie an der Eigenverantwortung der Gemeinschaften, stets getragen vom Einsatz für Gerechtigkeit und die Würde des Menschen.

Diese geduldige Arbeit, die über Jahrzehnte hinweg fortgeführt wurde, hat in vielen Regionen des Landes bleibende Spuren hinterlassen. Auch wenn die Präsenz der SMB in Kolumbien heute kleiner geworden ist, bleibt das Regionalhaus in Popayán ein Ort lebendiger Erinnerung und missionarischer Treue.

Während seines Besuchs Anfang Januar 2026 führte Ludovic Nobel Gespräche mit dem Erzbischof von Popayán, Msgr. Omar Alberto Sánchez Cubillos OP, über die Situation des Bistums, über seine Sicht auf die heutige Präsenz missionarischer Gemeinschaften sowie über die Rolle der SMB. Im Folgenden veröffentlichen wir das Gespräch in deutscher Übersetzung.

Ludovic Nobel: Hochwürdigster Herr Erzbischof, könnten Sie uns Ihr Erzbistum kurz vorstellen?
Msgr. Omar Alberto Sánchez Cubillos OP:
Das Bistum Popayán wurde 1546 gegründet und 1900 zum Erzbistum erhoben. Die Bistümer Ipiales, Pasto und Tumaco sind Suffraganbistümer, das heisst, sie unterstehen dem Erzbistum Popayán.
Das Erzbistum erstreckt sich über ein Gebiet von etwas mehr als 17 000 km², umfasst 92 Pfarreien und zählt über eine Million Gläubige. Der Klerus besteht aus rund 120 Priestern sowie etwa 30 ständigen Diakonen. Darüber hinaus dürfen wir auf die Mitarbeit von 35 Ordensmännern und nahezu 250 Ordensfrauen zählen.

Die SMB ist seit über 70 Jahren im Erzbistum Popayán präsent. Wie würden Sie ihren Beitrag und ihr pastorales Engagement beschreiben?
Ich bin erst seit fünf Jahren Erzbischof von Popayán. Nach meiner eigenen Erfahrung mit den wenigen Mitbrüdern, die ich kenne, aber auch nach dem, was ich gehört habe, hat die SMB zu einer sehr lebensnahen und ganzheitlichen Evangelisierung beigetragen. Die Missionare der SMB wollten den Menschen stets nahe sein. Sie waren bereit, in den entlegensten Gegenden und unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten, ohne auf den eigenen Komfort zu achten.

Die SMB zeichnete sich zudem durch ein bemerkenswertes soziales Engagement aus und hat wesentlich zur aktiven Beteiligung der Laien am kirchlichen Leben beigetragen. Unser Erzbistum verdankt der SMB sehr viel, und wir sind ihr zutiefst dankbar.

Ludovic Nobel besuchte auf seiner Reise nach Kolumbien Anfang Januar 2026 den Erzbischof von Popayán, Msgr. Omar Alberto Sánchez Cubillos OP.

Die heute noch anwesenden SMB-Missionare sind betagt. Manche fragen sich, ob es nicht an der Zeit wäre, diese Präsenz zu beenden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Der Mangel an Berufungen betrifft alle Ordensgemeinschaften. Die Zahl der Ordensleute nimmt überall ab – auch im Dominikanerorden, dem ich selbst angehöre. Von aussen betrachtet könnte man meinen, dass das Engagement der sogenannten «Schweizer Patres», wie man sie hier nennt, seinem Ende entgegengeht. Doch ein Rückgang der Berufungen bedeutet nicht, dass ein Charisma nicht mehr gebraucht wird. Ein Charisma ist eine Gabe Gottes, die als Antwort auf einen konkreten Bedarf geschenkt wird. Meiner Ansicht nach sollte die entscheidende Frage daher nicht lauten: Müssen wir schliessen? Sondern vielmehr: Werden wir noch gebraucht? Die Antwort darauf ist ganz klar: ja. Die missionarische Präsenz ist in unserem Erzbistum weiterhin dringend notwendig. In diesem Jahr etwa gibt es drei Pfarreien, die keinen Priester mehr haben.

Seit 2023 ist die Gemeinschaft der «Schweizer Patres» international geworden, unter anderem mit Berufungen aus Afrika. Wären Sie bereit, SMB-Missionare afrikanischer Herkunft in Ihrem Erzbistum aufzunehmen?
Selbstverständlich, unser Erzbistum ist sehr offen. Die Missionare der Consolata sind bei uns präsent, und die meisten von ihnen stammen aus Afrika. Ihre Anwesenheit ist für uns eine grosse Bereicherung. Etwa 23 % unserer Diözesanen sind afro-kolumbianischer Herkunft. Wir möchten die pastorale Arbeit für diese Gemeinschaft weiter ausbauen. Die Präsenz neuer SMB-Mitglieder aus Afrika wäre daher mehr als willkommen.

Kennen Sie die Schweiz, das Herkunftsland vieler SMB-Missionare?
Ja, ich hatte zweimal die Gelegenheit, in der Schweiz Ski zu fahren. In meiner Jugend arbeitete ich in Deutschland bei Mercedes-Benz und wohnte bei einer Familie, die ein Chalet in Disentis besass. Dort konnte ich sie begleiten und dem Skifahren nachgehen. Ich hoffe, eines Tages wieder in die Schweiz zurückkehren zu können, um die Heimat von Chepe (Josef Schönenberger), Aepe (Ernstpeter Heiniger) und unseres verstorbenen Mitbruders Alfredo (Alfred Wey) zu besuchen.