Man spricht von der Spiritualität des Franz von Assisi oder des Ignatius von Loyola, aber wer spricht von der Spiritualität Jesu? Albert Nolan heisst der Dominikaner in Südafrika, der zeigt, wie die Spiritualität Jesu ins Heute passt.
Autor: Toni Bernet-Strahm
Warum aber zurück zu Jesus?
Jesus lebte in einer Welt, die von unserer modernen Gesellschaft sehr verschieden war. Es gab weder Medizin noch Technik noch Wissenschaft. «Einer der Hauptunterschiede besteht dabei darin, dass Jesus und die jüdischen Zeitgenossen es für selbstverständlich hielten, dass Gott eine Person war. Heute kann das nicht mehr als selbstverständlich gelten.» Nolan, ein Dominikaner in Südafrika, zeigt, wie mit Jesus im damaligen Palästina ein neues Bewusstsein entsteht, das die heilende Kraft des Glaubensvertrauens allen zutraute. Jesus nannte diese mystische Erfahrung, die Heilung bewirkt und «Berge versetzen kann», seinen «abba» (Vater). Als Prophet, Heiler und Mystiker bot er seinen Mitmenschen diese heilende Kraft der Wirklichkeit zum freien, vertrauenden Nachvollzug an und lebte selbst radikal aus dieser Tiefe mit allen Konsequenzen, die diese Erfahrung tiefer Freiheit für sein Leben mit den Mitmenschen beinhaltete. Und wo findet sich diese – von Jesus entdeckte – heilende Kraft heute?
Herausforderungen unserer Zeit?
Was uns heute beschäftigt, ist der Hunger nach Orientierung und ein neues wissenschaftliches Verständnis unseres Kosmos gemäss den Einsichten von Darwin, Einstein u.a. «Volle Teilhabe an der Spiritualität Jesu müsste auch die Erfahrung unserer Einheit mit dem Universum mit einschliessen.» Allerdings beinhaltet das einen neuen Verständnisrahmen für die Schöpfung: «Das neue Paradigma (Denkrahmen) ist die fortwährende Evolution des Universums. Alle Dinge haben sich entwickelt und entwickeln sich auch weiterhin, ausgehend von einer ursprünglichen Explosion von Energie, die wir Urknall nennen und die vor 13,7 Milliarden Jahren stattgefunden hat … Wir leben nicht im Universum; wir sind Teil eines Prozesses.» Das neue Paradigma bietet die Gelegenheit, in anderer Weise mit dem Prozess der Materie und des Lebens, mit der schöpferischen Tiefenerfahrung der Wirklichkeit in Verbindung zu sein. Zu einer neuen Schöpfungsmystik gehört deshalb diese tiefe Verbundenheit mit einer überpersonalen, dynamischen Kraft, die wir Gott nennen. «Gott alles in allem» (Apg 17,28) wäre dann eine Chiffre (Kurzform), die das Geheimnis dieser mystischen Erfahrung umschreiben könnte, die Jesus «abba» genannt hatte.
Befreiung von engen dogmatischen Gottesvorstellungen
Der Spiritualität von Jesus zu folgen, bedeutet deshalb eine Befreiung von engen dogmatischen Gottesvorstellungen. Ein neues Bedenken der Mystik Jesu könnte zu einem Abenteuer radikaler Freiheit werden, genau das, was es heute für eine veränderte Religiosität brauchte.
Empfohlene Lektüre
* Albert Nolan: Radikale Freiheit.
Jesu Spiritualität im Blick unserer Zeit.
Übersetzt aus dem Englischen von Toni Bernet-Strahm
Verlag: Publik-Forum; 224 Seiten; Preis: ca. CHF 28.50
Bestell-Nr.: 3150; ISBN: 978-3-88095-322-2

