Vor 30 Jahren starb der Bethlehem-Missionar Albert Brändle. Er war der sogenannte «Chefpatient» und lebte 40 Jahre im Luzerner Kantonsspital. Obwohl er vollständig gelähmt war, machte er mit seinem eindrücklichen Lebenszeugnis vielen Menschen in schwierigen Situationen Mut.
Wie viele andere war auch Albert Brändle, 1930 in Wohlen geboren, auf dem Weg zum Priester und SMB-Missionar. 1956 wurde er plötzlich von Kinderlähmung befallen, schwebte wochenlang in Lebensgefahr und blieb zeitlebens vollständig gelähmt und auf einen Beatmungsapparat angewiesen.
Mit Hilfe seiner elektrischen Schreibmaschine entfaltete Albert Brändle im «Einfingertakt» eine grosse publizistische Tätigkeit, schrieb jährlich gegen tausend Briefe sowie Artikel und Meditationen und auch drei Büchlein. In einer Radiopredigt von 1972 sprach er durch seine geschriebenen Worte:
«Ich predige nicht, sondern ich bezeuge nur, was ich erlebt habe und wie ich jetzt lebe … Drei Wochen nach der Diakonatsweihe packte mich eine unheimliche Krankheit. Kinderlähmung! Damals gab es noch keinen wirksamen Impfstoff dagegen. Bei Nacht und Nebel fuhr man mich ins Spital. Niemand ahnte auch nur, dass ich hier für mein ganzes weiteres Leben würde bleiben müssen … Man schloss mich einem Beatmungsapparat, einer Eisernen Lunge, an. Zwei Wochen lang lag ich bewusstlos, und danach realisierte ich zunächst wenig. Als ich dann langsam zu überlegen vermochte, gab es für mich ein grausiges Erwachen: Stück um Stück musste ich mich mit der Aussicht vertraut machen, dass ich wohl nie mehr in meinem Leben ein gesunder und normaler, leistungsfähiger Mann und Priester werden konnte. Das Schwerste aber geschah in meinem eigenen Innern. Ich stellte mir tausend Mal die Frage: Warum gerade ich? Ich kam mir so zerschlagen vor wie ein gefällter Baum, abgesägt, vom Leben getrennt, umgelegt, zu nichts mehr nütze, anderen zur Last. In dieser verzweifelten Not schrie ich innerlich – nach aussen lahm und eingesperrt – oft und immer wieder zum Herrn, ganz ähnlich, wie ihr es im 88. Psalm hört.»
Herr, du Gott meines Lebens, zu dir schreie ich bei Tag und bei Nacht. Mein Herz ist randvoll von Leid, mein Leben ist dem Totenreich nahe. Ich bin wie ein Mann, dem alle Kraft genommen … Warum, Herr, wirfst du mich weg?

Albert Brändle bei einem seltenen Ausflug zu Besuch bei der Familie des SMB-Fotografen Rolf Notter. Foto: Rolf Notter
Es war ein anspruchsvoller Weg, den Albert Brändle ging: Drei Jahre lang rang er mit sich und Gott, um seinem «für immer lahmen Leben» einen Sinn geben zu können. Er lernte, für einige Stunden ohne Apparat zu atmen, die Seiten von Büchern selbst zu wenden und mithilfe einer einfachen Vorrichtung auf einer elektrischen Maschine selbst zu schreiben. So konnte er durch einen umfangreichen Briefwechsel ungezählten Menschen – Kranken und Gesunden – Freude, Kraft und Mut schenken. Er fand seine Aufgabe darin, für andere da zu sein, für andere «auf der Uhr und im Herzen Zeit zu haben und ihnen zuzuhören».
Und Albert Brändle schloss seine Radiopredigt: «Ich möchte nur bezeugen, dass ein scheinbar verpfuschtes Leben sehr sinnvoll werden kann. Ich möchte nur bezeugen: So erfahre ich Gottes Güte und Kraft, den Kleinen und Unscheinbaren in seinen Dienst zu nehmen. – Meine letzten Worte an euch sollen nicht meine eigenen, sondern jene des Psalms 30 sein.»
Ich möchte dich loben, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen, Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien, und du hast mich wirklich geheilt. Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, du hast mein Trauerkleid gelöst und mich mit Freude umgürtet. Darum singt dir mein Herz und will nicht verstummen.

«Chefpatient» Albert Brändle bei der Arbeit in seinem Zimmer 70 im 11. Stock des Kantonsspitals Luzern. Foto: SMB-Archiv
Während seiner vierzigjährigen Zeit im Spital lernte Albert Brändle, Unabänderliches mit erstaunlicher Gelassenheit zu tragen. Er lernte, nicht der Vergangenheit nachzutrauern, sondern nach einem Schicksalsschlag nach vorne zu schauen und das Beste aus seiner neuen Lebenssituation zu machen. In einem seiner Briefe schrieb er den tiefsinnigen Satz: «Der Stein, der in dein Leben fiel, hat einen tiefen Sinn: Wo du ihn nicht versetzen kannst, musst du ihn überblühn.»
Albert Brändle hat ungezählte Menschen zutiefst berührt, mit seiner Offenheit und Herzlichkeit, mit seinem Humor und Optimismus. Er war und blieb ein Missionar, wenn auch nicht in einem fernen Land, sondern vom Krankenbett aus. Mit seinem Zeugnis und seiner Ausstrahlungskraft hinterlässt er tiefe Spuren, die weit über seinen Tod hinausreichen.
Buchtipp
Benno und Theo Bühlmann, «Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt». Das empfehlenswerte Buch erschien 2005 im db-verlag und ist dort erhältlich. Jetzt bestellen.
