Was glauben wir eigentlich?

Begegnungstag von SMB, Verein BMI und Freundschaftskreis SMB vom 10. Januar 2026 in der Wohnsiedlung Im Bethlehem.

01.04.2026

Autor: Benno Frei / Fotos: Lydia Leumann

Als ich die Einladung zum Begegnungstag erstmals las, gefiel mir im Titel sofort das Wort «eigentlich». Ich sah mich, wie ich zu einer Wandergruppe stosse und ohne etwas zu fragen gerne mitgehe und beim ersten Halt dann eine Mit-Wanderin locker fragen höre: «Wohin gehen wir eigentlich?» Und einer lacht und will wissen: «Woher kommen wir eigentlich?» Und eine dritte Stimme: «Wer sind wir eigentlich?» Und keine/r fühlt sich in der Pflicht, eine Antwort zu geben. Ich höre noch die Fragen: «Wie ist eigentlich der Wetterbericht?» und «Hat eigentlich jede/r Proviant dabei und Wasser? Und Regenschutz und Decke für die Nacht?» – Und wir wandern weiter und jede/r denkt: «Kommt Zeit, kommt Rat. Hauptsache, ich fühle mich wohl in der Gruppe.» – Und unterwegs lernen wir uns kennen, und es kommen dann schon Gelegenheiten, wo wir behutsam gemeinsame Sache machen, zu der alle stehen können, uns einem Thema widmen und gültige Nenner finden, die keine Primzahlen sein sollten.

Und so war dieser Begegnungstag denn auch. Unhierarchisch. Undogmatisch. Inklusiv. Respektvoll. Viel Fröhlichkeit. Keine Hürden, die mich daran hindern, allen zu zeigen, woher ich komme, wo ich stehe, wovon ich träume, wo ich mich schwach fühle, was mir Kraft gibt…

Das ist SMB, das Kind der SMB, das Enkelkind der SMB … So wie ich SMB und ihre Nachkommen seit 1957 und dann von Immensee aus seit 1981 intensiv kennenlernen durfte und sie sehr schätze.

Inspirierende Statements gab es von Stephan Kaiser-Creola...
... Simone Dollinger...
... und Martin Jäggi, SMB.

Klar, viele der 50 pünktlich auf 09.15 Präsenten konnten mit viel «Hallooo!» eine gefühlte Ewigkeit lang nicht Gesehene begrüssen. «Habe gehofft, dich hier zu treffen. Wie schön!» Andere wiederum stellten sich gegenseitig vor: «Ah, schon oft von dir gehört/gelesen. Welche Freude, jetzt endlich mal das Original kennenzulernen.» Wie´s halt so ist in grossen, Menschen aus drei Generationen umfassenden Familien.

Das stattliche Team bestehend aus Rita Inderbitzin und Franziska Schwitter (Freundschaftskreis), Stephan Kaiser (Verein BMI) sowie den SMB-Mitgliedern Emilio Näf und Martin Jäggi hatte sich gemeinsam bestens um die Logistik, den Ablauf, das Thema, den Inhalt und die Dynamik gekümmert und alles umsichtig vorbereitet.

Dass sie fürs Plenum unserer ansehnlich grossen Schar (50 Teilnehmende!) den Gemeinschaftssaal im alten SMB-Missionshaus bestimmten, mag sich mangels Alternativen aufgedrängt haben. Ich erlebte den Saal jedoch so von positiven Erinnerungen geschwängert, dass ich in dieser Wahl spontan auch viel Symbolik sehe: Ohne die SMB hätten sich die meisten von uns ja gar nie zum für manche jahre- oder gar jahrzehntelangen gemeinsamen Ziehen am gleichen Strick kennen lernen können. Ohne SMB keine BMI und kein Freundschaftskreis. Ohne SMB, die nicht nur ihre Fenster für Neues in der Kirche öffnete (Aggiornamento, Johannes XXIII. lässt grüssen), sondern ganz weit auch ihre Türen für Laienmitarbeiter/innen mit Einladung zur Mitsprache (da: Grüsse von Josef Amstutz).

Auch Brigitte Fischer Züger gab ein inspirierendes Statement ab.

Das «Was» im Tagesthema («Was glauben wir eigentlich?») muss nicht zwingend theologisch gemeint sein: Woran, an was – noch unpersönlich. «Ans Schicksal», an den Zufall, Glücks- resp. Unglücksfall (halt Glück oder auch Pech gehabt), an die Evolution, die sich selbst kreiert oder destruiert. Oder auch «ans Recht des Stärkeren», der Macht – im Moment im Vormarsch.

Aber mit grossmehrheitlich Theologinnen und Theologen im Vorbereitungsteam…

Stephan Kaiser schenkte gleich nach seinem lockeren Grusswort diesbezüglich mit seiner bebilderten Tierfabel klaren Wein ein: Zu den 99 bereits zusammengetragenen Namen für Gott fehlt noch der Hundertste. Ein Schäfchen macht sich zielgenau auf die Suche. – Die Fabel hat kein Happy End, aber mündet in den Auftrag an uns 50 Teilnehmende, dass jede/r ihrem/seinem im Laufe des Lebens entdeckten Gott einen oder auch mehrere Namen geben soll.

Es ist also schon Gott, der mit dem «Was» gesucht wird. Aber: Wie ist dieser Gott, an den wir glauben? Das Objektiv ist auch da noch sehr weitwinklig: Sagen wir mal vom Agnostiker bis zum Richtergott oder bis zum «Aufs fromm sein kommt´s an».

Zur Motivation oder als Apéro für die folgenden (höchstens) 8er-Gruppen und deren «Gespräch im Geist» (Methode der Weltsynode) outen sich drei von uns in persönlichen Statements, inspiriert von ihren eigenen Wegbegleitungen in Asien (Brigitte Fischer Züger, Taiwan), Lateinamerika (Simone Dollinger, Kolumbien? Bolivien und Costa Rica) resp. Afrika (Martin Jäggi, Sambia) – im Sinne von «welchen Namen habe ich dabei für meinen/unseren Gott entdeckt?» …der sich ja oft unterwegs noch weiterentwickelt; oder auch in der Retrospektive.

In den 8er-Gruppen und auch im nachmittäglichen Plenum reflektiere ich mein eigenes Gottesbild und lasse mich dabei auch von den Zeugnissen der anderen inspirieren – mit dem glücklichen Risiko, dass sich aufgrund des immensen Erfahrungsschatzes, der sich da in uns 50 zusammengefunden hat, verschiedenste hundertste Namen und sich herantastende Umschreibungen Gottes «herauskristallisieren» werden.

«Gespräch im Geist»: In verschiedenen Gruppen werden die persönlichen Gottesbilder reflektiert.

Wir nehmen im Gruppenzimmer Platz und noch bevor wir uns begrüssen können, platzt es aus meinem Nachbarn heraus: «Ich kenne den hundertsten Namen!» Später erklärt er allen seine sehr kompetenten Kenntnisse über das All und wie jeder von uns da kaum ein Stäubchen ist und auch unsere Mutter Erde kaum «än Gufechnopf». Zunächst spüre ich etwas Neid. Dann aber finde ich «meinen» Gott doch zugänglicher, herzlicher, erkennbarer. Mein Weg führt über Jesus zu den am Rand der Menschheit Stehenden und zum Vater.

Die vorgegebene Dynamik für die Gruppen gefiel mir sehr: 1) Ankommen, das eigene Innere öffnen und bereit werden, zuzuhören. Nacheinander kann jede Person ihre Gedanken äussern – ohne Unterbrechung, Diskussion oder Rückfragen. Die Stille hilft, das Gehörte nachklingen zu lassen und Resonanz zu spüren: Was hat mich berührt, ist mir wichtig? – Dann 15 Minuten Pause und anschliessend 2) Resonanz gemeinsam: Was hat mich im Gehörten bewegt, wo sehe ich Verbindungen oder vielleicht auch Fremdes? Keine Diskussion – im Sinne des hörenden Sprechens. Keine Bewertung, aber Resonanz im Inneren suchen: Was berührt mich, ist mir wichtig? – Danach käme noch die gemeinsame Klärung. Dafür reichte uns die Zeit nicht. Es geht nicht darum, Konsens zu suchen, sondern darum, gemeinsam zu unterscheiden: Wo zeigen sich geteilte Ansichten? Wo sehen wir fruchtbar werden könnende Spannungen? Was könnte ein nächster Schritt sein?

Nach dieser recht fordernden Dynamik: Welch prima Idee! Wir sitzen wieder alle 50 im Halbkreis im Chor der grossen Kapelle, nehmen ein speziell vorbereitetes Liedheft entgegen und singen eine halbe Stunde lang gemeinsam mit Stephan am Flügel. Wir singen Lieder aus allen Sparten, viele davon wecken beste Erinnerungen, manche sind auch mit Wehmut behaftet (Lagerfeuer, Simplon, Assoziation, Taizé etc…). Phänomenal.

Ab 12.30 Uhr folgte im Bistro das gemeinsame Mitttagessen (auch dieses Bistro eine prima «Erfindung»!). Das Mahl bot vor allem Leuten, die sich lange nicht gesehen hatten, eine grosse Austauschgelegenheit.

Nach einem kurzen «Wiederankommspiel» ging´s dann um 14.00 Uhr weiter, wieder im Gemeinschaftssaal.

Wir schauen uns gemeinsam den dreissigminütigen Film «Der liebe Gott im Schrank» an. Darin geht es um ein kleines Mädchen, das mit lieben Eltern lebt, für die Gott kein Thema ist. Das Kind jedoch spürt Hunger nach Gott. Wo sucht man denn Gott? Sie geht in die Kirche, wo eine Frau mit dem Besen den Boden wischt und dabei einen schlafenden Obdachlosen aufschreckt. Sie selbst erschrickt auch und ruft: «O Gott!» Das Mädchen hört den Schrei, folgt dem Penner und glaubt, Gott gefunden zu haben. Sie beobachtet ihn, wie er Essensreste aus Mülltonnen isst, und wie er einen kleinen Jungen nicht verteidigt, der von einem Grösseren misshandelt wird. Aus eigener Eingebung praktiziert sie an seiner Stelle die christlichen Werte: Sie nimmt Partei für die Kleinen, gibt dem Hungernden (dem Penner in ihrem Schrank) Essen und gibt dem Obdachlosen ein Dach über dem Kopf (in ihrer Familie). Ihre Eltern machen mit, weil auch sie für diese Werte stehen – für deren Anwendung jedoch keinen Gott benötigen. – Auch dieser Film bleibt ohne Happy End, er hat überhaupt kein Ende. Will einfach zeigen, wie das Leben so läuft unter grundsätzlich guten Menschen, ob sie nun an Gott glauben oder nicht. In gewisser Weise ist das Mädchen unbewusst und auch ungewollt Missionarin gegenüber ihren Eltern und auch den streitenden Buben… Erfolglos? – Als Abschluss unserer Tagung ist das so etwas wie ein Gleichnis für unsere Bethlehem-Gemeinschaft: Was alles an «Lebens- und Gotteseinstellungen» war denn da an diesem 10. Januar im Bethlehem versammelt?!

Eine halbe Stunde gemeinsames Singen in der Kapelle, angeleitet von Stephan Kaiser am Flügel.

Für das Plenumsgespräch nach dem Film waren 45 Minuten eingeplant. Diese wurden (immer mit den guten Impulsen des Films im Hinterkopf) für erfreulich zahlreiche Voten genutzt, die einfühlsam aufeinander eingingen. Es zeigte sich, dass es unter uns sehr verschiedene Gottesbilder gibt, dass uns unsere gemeinsame Geschichte mit dem Bethlehem jedoch daran gewöhnt hat, jeder von seinem persönlichen Gottesbild her, respektvoll miteinander auszutauschen, doch gemeinsame Nenner suchend.

Béatrice Battaglia leitete dann noch den genau zu diesem Schlussmoment passenden meditativen Ausklang: Im Kreis standen wir, alle Hände verbunden, und wippten in wohltuender Rhythmik vorwärts.

Es waren wirklich sehr schöne, reichhaltige Stunden der Begegnung, die wir an jenem Samstag im Bethlehem miteinander erleben durften. Alle Feedbacks, die ich hörte, sahen das genauso. So bin ich bestimmt nicht der Einzige, der sich bereits jetzt auf den nächsten Begegnungstag von SMB, Verein BMI und Freundschaftskreis SMB freut.

Meditativer Ausklang des Begegnungstages unter Anleitung von Béatrice Battaglia.