Die SMB-Mission in Haiti

Gespräch mit SMB-Mitglied Georges Conus zu seinem fünfzigjährigen Priesterjubiläum. Mehr als zwanzig dieser fünfzig Jahre verbrachte er in Haiti, wo die SMB von 1972 bis 2002 präsent war. Georges kam 1975 als Diakon dort-hin, leitete acht Jahre lang die Pfarrei Bombardopolis und kehrte von 1994 bis 2002 ins Bergland der Cahos zurück. Dort entstand eine Sekundarschule, die bis heute besteht und um die er sich noch immer kümmert. Wir haben ihn gebeten, zu erzählen.

Autor Igor Kopeykin – 15.10.2026

Georges, wie und warum kam die SMB 1972 nach Haiti?

Zuerst ist zu sagen, dass die SMB ihre Berufung darin hat, bei den Ärmsten zu sein, bei den Menschen, die in Armut und Elend leben. Und wenn es ein Land gibt, auf das dies zutrifft, dann Haiti.

Zweitens: In Haiti wirkte eine Gruppe von Laienmissionarinnen der Villa Beata. Ihre Spiritualität steht der unseren nahe; über sie wurden wir angefragt. Wir engagierten uns beim ersten einheimischen Bischof Haitis, und unser Mitbruder Ruedi Schmidlin, mein früherer Bibelprofessor, ging als Erster dorthin. Ich selbst kam 1975/76 zum ersten Mal, als Diakon.

Du bist zu SMB-Mitglied Ruedi Schmidlin gestossen?

Ich stiess in der Diözese Port-de-Paix im Nordwesten der Insel zu Ruedi. Er hat uns eingeführt. Jeder von uns hatte aber einen eigenen Auftrag. Von 1972 bis 1975 war er das einzige SMB-Mitglied vor Ort. Als ich für einen neuen SMB-Einsatz ankam, waren zwei junge Laien da: eine Krankenschwester und ein junger Mechaniker, beide für ein anderes Projekt. Die Einführung aber machten wir gemeinsam: in die Sprache – das Kreolische –, in die Mentalität und in die verschiedenen Aufgaben auf Diözesanebene.

Haiti, Facoune: Georges Conus lädt die Jugendlichen zur Erstkommunion und Firmung ein.
Bild: Rolf Notter, 1995, Archiv SMB, Sign. V2b,9911

Und wie lernt man Kreolisch?

Wir gingen am Nachmittag ans Meer, kaum einen Kilometer entfernt. Unterwegs folgte uns eine ganze Schar Kinder und redete mit uns. Bei ihnen haben wir die Sprache am besten gelernt.

Nach einem Monat besuchte ich einen kanadischen Pater in den Bergen, auf der Station Jean Clair. Dort herrschte echte Armut, kein Strom, kein Telefon – nach der Schule spielten die Kinder eine halbe, eine ganze Stunde mit mir, bevor sie nach Hause gingen. Zwei, drei Monate später kam ich wieder. Die Katechisten sagten mir: «Wir wagten es Ihnen nicht zu sagen, aber als Sie das erste Mal hier waren, sprachen Sie nicht besonders gut Kreolisch. Jetzt ist es grossartig.» Einem Fremden seine sprachlichen Grenzen vorzuhalten, hätten sie nie gewagt.

Haiti, Chénot: Georges Conus im Pfarreibüro.
Bild: Rolf Notter, 1995, Archiv SMB, Sign. V2b,9909

Du hättest eigentlich in Haiti geweiht werden sollen?

Ja, normalerweise nach zwei Jahren Diakonat. Aber meine Mutter erkrankte schwer und musste operiert werden. So kehrte ich in die Schweiz zurück und wurde hier am 3. Oktober 1976 zum Priester geweiht.

Und nach der Weihe bist du nach Haiti zurückgekehrt?

Ab Februar 1978 war ich Pfarrer von Bombardopolis, der westlichsten Pfarrei Haitis, Kuba gegenüber. Bei klarem Wetter sieht man die kubanische Küste, rund 80 Kilometer entfernt – viel näher als die Hauptstadt Port-au-Prince.

Ich hatte ein Team: einen Katecheten, der die übrigen Katechisten ausbildete, eine Pflegehelferin und eine Lehrerin des Lehrerseminars, welche die kleinen gemeinschaftlichen und kirchlichen Schulen des Sektors begleitete. Seelsorge und soziale Entwicklung gingen Hand in Hand. Acht Jahre lang war ich dort, bis 1986. Als ich ging, übernahm der einheimische Klerus die

Pfarrei – genau das war von Anfang an das Ziel.

Gab es weitere Mitbrüder?

Bruder Joseph Marclay aus dem Wallis – neben mir das einzige französischsprachige SMB-Mitglied in Haiti –, der mit den kanadischen Schulbrüdern eine Berufsschule gründete; er verunglückte 1989 tödlich, mit sechsundvierzig Jahren. Und Bruder Albert Rusch, der vierte und letzte SMB-Mitbruder, den wir in Haiti einsetzten: Er verbrachte zwei oder drei Jahre in Jean Rabel und kehrte dann in die Schweiz zurück.

Haiti, Pérodin: Georges Conus trifft auf dem Weg eine Gruppe von Leuten an.
Bild Copyright: CIRIC, J.-C. Gadmer, 1995; Archiv SMB, Sign. V2b,9918

Und du selbst bist 1994 ein letztes Mal zurückgekehrt.

Ja. Ab 1994 war ich wieder dort, in der Diözese Gonaïves, unter Bischof Emmanuel Constant, ebenfalls einem einheimischen Bischof. Ich war damals das einzige SMB-Mitglied vor Ort. Ciliane Haselbach stiess im Dezember desselben Jahres dazu, nach einem Abschlusspraktikum bei E-Changer. Der Bischof vertraute mir die Pfarrei Chénot an, die nördlichste der Cahos-Kette. In der Mitte liegt die Pfarrei Pérodin, im Süden jene von Médor. Das Gebiet der Cahos zählt rund 40 000 Einwohner auf 600 Quadratkilometern. Bei meiner Ankunft gehörten dreizehn Kapellen zu diesen Pfarreien. Die Gebäude waren in schlechtem Zustand. Wir haben sie nach und nach instand gestellt.

2002 bist du in die Schweiz zurückgekehrt.

2002, wegen eines Burnouts. Das war das offizielle Ende der SMB-Mission in Haiti.

Wie siehst du die politische Lage Haitis?

Sie ist nach wie vor katastrophal. Pater Aristide – ein ehemaliger Salesianerpriester, der Präsident wurde – wurde 1990 gewählt: Zum ersten Mal wählten die Haitianer ihren Präsidenten selbst. Doch die USA setzten ihn ab und schickten ihn ins Exil, zuerst nach Venezuela, dann in die Vereinigten Staaten. Die Armee setzte daraufhin einen Regierungsrat ein. Die «Tontons Macoutes», die Handlanger Duvaliers, konnten nichts mehr ausrichten, doch die Lage besserte sich deswegen nicht. Aristide wurde wieder eingesetzt; da nutzte er die Macht, um sich zu bereichern, wie seine Vorgänger. Später wurde Präsident Jovenel Moïse ermordet. Er wurde nicht ersetzt. Heute übt der Premierminister die Amtsgewalt des Präsidenten aus, was völlig anormal ist.

Die katholische Kirche Haitis in Zahlen?

Haiti hat rund zehn Millionen Einwohner. Etwa 70 Prozent sind katholisch getauft. Davon praktiziert ungefähr ein Drittel tatsächlich. Und der Episkopat ist seit den 1960er-Jahren vollständig einheimisch.

Und was ist heute die Frucht der SMB in Haiti?

Wir haben die Katecheten und die kirchlich Verantwortlichen dazu befähigt, an ihre eigene Ausbildungsfähigkeit zu glauben. Und die Sekundarschule Cosabel besteht seit 1998 und arbeitet weiter.

Cosabel – eine Schule für einen Dollar

1998 stand zwischen Chénot und Pérodin ein Schulgebäude unvollendet, weil das Geld fehlte. Die Pfarrei Saint-Antoine-Ermite kaufte es für einen symbolischen Dollar. Daraus wurde das Collège Saint-Antoine de Bel-Air – doch niemand nennt es so. Georges hatte eine Abkürzung dafür gefunden, Cosabel, und die ist geblieben.

Die Schule umfasst die ersten drei Jahre der Sekundarstufe, bei uns entspricht das der Orientierungsstufe. Nach diesen drei Jahren weiss man, ob eine Schülerin oder ein Schüler weiterstudieren kann oder einen Beruf ergreifen soll – etwa an der Berufsschule, die Bruder Joseph Marclay gegründet hat.

Die Leitung ist seit dem ersten Tag haitianisch, und genau das war das Prinzip: Die SMB gründet die Schule nicht, sie unterstützt die Pfarrei, die sie trägt. Das Schulgeld der Familien deckt jedoch nur zwei Monate des Schuljahres. Ohne Hilfe von aussen hätte die Schule schliessen müssen.

Die SMB-Mission in Haiti endete 2002; die Unterstützung der Schule hingegen hat nie aufgehört – und Georges Conus sichert ihre Finanzierung Jahr für Jahr.

Die Schule Cosabel ist in den Bergen gelegen.
Schülerinnen und Schüler der Schule während einer Prüfung.